Digitale Teilhabe für alle jungen Menschen sichern – Handlungsempfehlungen für die Jugendsozialarbeit als Ergebnisse des Dialogtags

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing
Share on whatsapp
Share on email
Share on print
Share on pocket
Share on telegram

Was bedeutet digitale Teilhabe für die Zielgruppen der Jugendsozialarbeit und welchen Aufgaben muss sich die Jugendsozialarbeit stellen, um diese für alle jungen Menschen zu erreichen? Diesen Fragen gingen die Teilnehmer*innen des online Dialogtags „Digitale Teilhabe“ nach und formulierten mehr als 10 entscheidende (An)Forderungen an eine inklusive Jugendsozialarbeit. Der Dialogtag wurde von IN VIA Deutschland e. V. und der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V. angeboten. 

Die Jugendsozialarbeit steht hier, wie andere Felder der sozialen Arbeit auch, unter Innovationsdruck. Sie muss Experimentierräume, in einem möglichst hierarchiearmen Umfeld für kreative Ideen schaffen. Hierzu braucht es auch Menschen, die diese Innovationsprozesse begleiten sowie Zuständigkeiten und Ressourcen beim Fachpersonal. Aber vor allem ist hier eine entsprechende Haltung gefragt, die kleine arbeitsteilige Schritte im Team fördert – den Widrigkeiten zum Trotz. Für Dr. habil. Christoph Kaletka von der TU Dortmund ist die Digitalisierung eine soziale Innovation. Diese Innovationen bringen jedoch auch neue Exklusionsrisiken mit sich. Nicht nur Jugendliche als Zielgruppen der Jugendsozialarbeit, sondern auch Fachkräfte können auf Ausgrenzung und auf neue Barrieren stoßen. 

Für die Jugendsozialarbeit stellten sich daher als zentral zu klärende Fragen: welches Verständnis von Digitalisierung haben die Fachkräfte? Welche Kompetenzen brauchen Fachkräfte bzw. was sollten Jugendliche von ihnen lernen? Wie können Fachkräfte das Beste aus den Möglichkeiten schöpfen, ohne sich oder das Arbeitsfeld der Jugendsozialarbeit zu überfordern?

Digitale Teilhabe – (An)Forderungen an eine inklusive Jugendsozialarbeit

WORKSHOP 1

Bedeutung von digitalen Medien für die Identitätsfindung junger Menschen 

Fachinput: Maria Wiesner, Stiftung Digitale Chancen; Markus Gerstmann, MEKOcloud, Bremische Landesmedienanstalt 

Soziale Medien haben inzwischen einen ähnlich großen sozialisatorischen Einfluss auf Kinder und Jugendliche wie Elternhaus, Schule und Peers. Entsprechend ist der digitale Raum ein Lebensort junger Menschen, in dem sie sich mit Peers austauschen, vergleichen, Feedback erhalten und Wertschätzung bzw. Ablehnung durch andere erfahren. 

Diskussionsergebnisse zu Handlungsempfehlungen für die Jugendsozialarbeit: 

  1. Die Jugendsozialarbeit muss den digitalen Raum als eine Lebenswelt junger Menschen wahrnehmen, akzeptieren und deren große Bedeutung für die Phase der Adoleszenz und des Erwachsenwerdens kennen. Zugleich sollte sie nicht in deren digitale Lebenswelt eindringen, sondern diese den Jugendlichen als ihren Erfahrungs- und Entfaltungsraum lassen. Dennoch ist es wichtig, dass die Fachkräfte immer wieder den Dialog mit den Jugendlichen suchen, Reflexion ermöglichen und Chancen, aber auch Risiken aufzeigen. 
  2. Eine Herausforderung für Fachkräfte der Jugendsozialarbeit ist es, im Rahmen der Beratungstätigkeit die geeignete Angebotsform (analog, digital, hybrid) für die jungen Menschen zu finden und umzusetzen. So stellt etwa Blended counseling als eine sinnvolle Mischung von face-to-face und virtuellen Angeboten ein erprobtes pädagogisches Vorgehen dar. Die Jugendsozialarbeit kann für ihre Angebote dementsprechend auch analog (z.B. Postkarte) und digital (z.B. QR Code) werben, denn die Lebenswelt Jugendlicher ist auch analog und digital. 
  3. Eine wichtige Aufgabe der Jugendsozialarbeit ist der Jugendschutz und – bezogen auf den digitalen Raum – der Datenschutz. Fachkräfte sind gefordert, sich umfassende Kompetenzen anzueignen und Jugendliche aufzuklären. Darüber hinaus muss die Jugendsozialarbeit Jugendliche dahingehend empowern, eigenverantwortliche Entscheidungen treffen zu können, was und wieviel sie von sich im virtuellen Raum preisgeben. 
  4. Partizipation im Sinne „echter“ Beteiligung ist eine zentrale Anforderung an alle Einrichtungen der Jugendhilfe. Digitale Medien erweitern die Möglichkeiten, junge Menschen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, deren Themen zu eruieren und ihnen hierzu ein niedrigschwelliges digitales Diskussionsforum bis hin zur Beratung zu bieten.
  5. Beziehungsarbeit bzw. Beziehungsgestaltung im virtuellen Raum muss   auf die Bedarfslagen der jungen Menschen abgestimmt sein. Sie kann je nach Situation und Anliegen anonym genauso erwünscht sein wie „sichtbar“ im Videochat. Die Jugendsozialarbeit sollte ihre Angebotsformen hier regelmäßig überprüfen und ggf. anpassen. 

 

WORKSHOP 2: 

Digitale Lern- und Erfahrungsorte 

Fachinput: Sandra Liebender, Stiftung Digitale Chancen 

Genau wie im analogen Raum lernen junge Menschen in digitalen Räumen auf formellen sowie auf informellen Wegen. Dabei bergen digitale Lern- und Erfahrungsorte großes Potenzial für die Jugendsozialarbeit, indem sie neue Zugangswege bereitstellen und individuelles, zeit- und ortsunabhängiges Lernen ermöglichen. 

Diskussionsergebnisse zu Handlungsempfehlungen für die Jugendsozialarbeit: 

  1. Technische Ausstattung für junge Menschen und Einrichtungen bildet die notwendige Grundlage für die Nutzung digitaler Lernorte. Die Jugendsozialarbeit sollte sich dafür einsetzen, dass alle jungen Menschen Zugang zu digitalen Endgeräten erhalten. 
  2. Über einen partizipativen Ansatz soll die Zielgruppe in die Entwicklung digitaler Lern- und Erfahrungsorte eingebunden werden. So kann in Erfahrung gebracht werden, wo junge Menschen online erreicht werden können und wollen. Methoden und Inhalte sollten an den Interessen und Bedarfen der Zielgruppe angepasst werden. Dabei kann es hilfreich sein, engagierte junge Menschen mit ihrer Expertise als Brückenbauer*innen einzusetzen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit anderen jungen Menschen teilen.
  3. Um ausreichend Fachwissen und Medienkompetenzen sicherzustellen, bedarf es stetiger Fort- und Weiterbildungsangebote für Fachkräfte der Jugendsozialarbeit. An geeigneten Stellen sollten auch Expert*innen anderer Fachgebiete eingebunden werden und Wissens- und Erfahrungsaustausch gefördert werden. 

 

WORKSHOP 3 

Reflektierte und kritische Mediennutzung – der Umgang mit Fake News 

Fachinput: Laura Hänsch, Stiftung Digitale Chancen 

Fake News haben viele Gesichter. Beispielsweise dienen politisch motivierte Unwahrheiten im Netz häufig der gezielten Manipulation. Fake News sind häufig nur schwer von echten Nachrichten zu unterscheiden. Laut einer Studie ist jeder dritte junge Mensch unsicher bezüglich des Wahrheitsgehalts von Nachrichten im Netz. 

Diskussionsergebnisse zu Handlungsempfehlungen für die Jugendsozialarbeit:

  1. Fachkräfte der Jugendsozialarbeit sollten Jugendlichen als aufmerksame und offene Ansprechpersonen zu diesem Thema auf Augenhöhe begegnen, ohne erhobenen Zeigefinger. 
  2. Fachkräfte der Jugendsozialarbeit benötigen mehr Expertise und Weiterbildungen zu diesem Themenkomplex. In ihren Angeboten für Jugendliche können sie Reflexionsräume schaffen, um mit ihnen zum Thema Fake News zu arbeiten.
  3. Fachkräfte der Jugendsozialarbeit sollten Jugendliche für Fake News sensibilisieren, sie aufklären und Informationen dazu liefern, welchem Zweck Fake News dienen. Hierbei sollten Einrichtungen der Jugendsozialarbeit Expertinnen hinzuziehen bzw. bestenfalls systematische Kooperationen aufbauen. Im Dialog mit Jugendlichen werden Beispiele von Fake News analysiert. Eine Diskussion über die Frage, warum Jugendliche dem Inhalt einer Nachricht Glauben schenken, kann Ausgangspunkt des Dialogs sein.
  4. Spielerisch kann mit Jugendlichen die Erkennung von Fake News geübt werden. Es gibt zahlreiche Tools, die hier gute Anleitungen bieten: 

 Quelle: Aus dem Netzwerk der BAG KJS: Elise Bohlen, Sabrina Janz, Susanne Nowak und Xenia Romadina 

Ähnliche Artikel

Hohes Armutsrisiko für Mehrkindfamilien 

Familien mit drei oder mehr Kindern sind in Deutschland einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt. Bei etwa jeder sechsten Familie in Deutschland

Skip to content