Seit dem Start im Schuljahr 2023/24 hatten Mental Health Coaches in rund 100 Schulen niedrigschwellige Angebote geschaffen, in denen Schüler*innen über belastende Erfahrungen sprechen und Unterstützung finden konnten. Für viele Jugendliche war das Programm mehr als ein zusätzliches Angebot: Es war ein Ort, an dem sie ernst genommen werden und psychische Belastungen angesprochen und in Gemeinschaft bearbeitet werden konnten. Gerade in einer Zeit, in der psychische Belastungen – durch Schulstress, gesellschaftlichen Druck und globale Krisen – stark zunahmen, bot das Programm eine dringend benötigte Brücke zwischen Alltag und professioneller Hilfe. Die wissenschaftliche Evaluierung durch die Universität Leipzig zeigte hohe Akzeptanz und Wirksamkeit – 90 % der Beteiligten wünschten sich eine Fortsetzung. Und trotzdem wurde das Programm „Mental Health Coaches“ an Schulen eingestellt statt ausgeweitet.
Marie Hacker, 16 Jahre alt und aktiv in der Bezirksschülervertretung Köln, bringt die Stimmung vieler junger Menschen auf den Punkt: „Das Einstellen ist ein Tritt ins Gesicht.“ Während über steigende Zahlen von Klinikaufenthalten, Depressionen und Angststörungen gesprochen wird, verschwinden genau die Angebote, die frühzeitig auffangen, zuhören und Orientierung geben. Statt Sicherheit und Verlässlichkeit entstehe Unsicherheit – und das Gefühl, erneut auf später vertröstet zu werden. Auch auf bundesweiter Ebene melden sich Schüler*innenvertretungen deutlich zu Wort. Die Bundesschülerkonferenz spricht von einem „fatalen Signal“, das mit dem Ende des Programms ausgesendet werde. In einer Situation, in der psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen massiv zunehmen, sei es nicht nachvollziehbar, ausgerechnet präventive und niedrigschwellige Unterstützungsangebote an Schulen auslaufen zu lassen. „Wir müssen endlich gehört und ernst genommen werden“, fordert Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz. „Die Politik muss investieren, damit diese Generation ohne permanenten Druck, Angst und Depressionen aufwachsen kann.“ In der Begleitung des Programms Mental Health Coaches haben wir erfahren, wie viel Vertrauen, Entlastung und Kompetenzerfahrung junge Menschen durch niedrigschwellige Angebote gewinnen. Das Programm hat gezeigt: Prävention in der Schule erreicht dort, wo junge Menschen leben und lernen.
Kritik vom Deutschen Ethikrat: „Sehr bedauernswert“
Auch der Deutsche Ethikrat kritisiert die Einstellung des Mental-Health-Coaches Programms der Bundesregierung. Es sei „sehr bedauerlich, dass das positiv evaluierte Programm an Schulen aus finanziellen Gründen eingestellt wird“, kritisierte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Helmut Frister.
Aus dem Bundesjugendministerium heißt es, man sei sich der angespannten Lage der mentalen Gesundheit junger Menschen bewusst. Auf Grundlage der Erfahrungen aus dem Programm Mental Health Coaches solle eine neue, übergeordnete Strategie zur Prävention psychischer Belastungen entwickelt werden. Diese solle langfristig wirken und bestehende Strukturen stärken. Für viele junge Menschen bleibt diese Perspektive jedoch vage. Was sie konkret erleben, ist das Ende eines Angebots, das im Schulalltag präsent war – und die Unsicherheit darüber, wann und in welcher Form neue Unterstützung tatsächlich ankommt.
Erkenntnistransfer als verlässliche Basis für die Zukunft
Parallel zu den laufenden Reaktionen junger Menschen arbeitet die BAG KJS daran, die Ergebnisse und Erfahrungen des Modellvorhabens „Mental Health Coaches (MHC)“ systematisch zu sichern. Ziel ist es, die gewonnenen Erkenntnisse fundiert aufzubereiten, strategisch nutzbar zu machen und daraus Handlungsempfehlungen für nachhaltige Strukturen abzuleiten. Damit wird sichergestellt, dass das Wissen aus dem Programm nicht verloren geht, dass bewährte Ansätze skaliert werden und dass politische Entscheidungsträger*innen auf einer verlässlichen Wissensbasis handeln können. Mentale Gesundheit junger Menschen darf nicht warten – Erkenntnisse aus der Praxis müssen jetzt in tragfähige Strukturen und konkrete Maßnahmen überführt werden. Die BAG KJS steht weiter an der Seite der Jugendlichen – in der Vernetzung, im Austausch und im Einsatz für langfristige, tragfähige Strukturen, die mentale Gesundheit nicht nur als Schlagwort verstehen, sondern als Grundlage für Entwicklung, Beteiligung und Bildung.
Das Ende des Programms ist deshalb mehr als das Auslaufen eines Modellprojekts. Für viele junge Menschen ist es ein Symbol dafür, dass ihre Lebensrealität bekannt ist – aber nicht konsequent genug beantwortet wird. Ihre Botschaft ist klar: Mentale Gesundheit ist kein Zukunftsthema. Sie ist Gegenwart.
Autorin: Özlem Tokyay



