Die Kommunen klagen über enorme Finanzbelastungen durch Aufgaben in der Kinder- und Jugendhilfe. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz mahnt zu Reformen wegen der hohen Beträge. Die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJstat) blickt in der Ausgabe vom Dezember 2025 ihres Informationsdienstes „Kommentierte Daten der Jugendhilfe“ (KomDat) unter anderem auf die Kostenexpansion in der Jugendhilfe. Sie differenziert dazu die Leistungsbereiche und schafft eine wissenschaftliche Grundlage für die Debatte.
Seit 30 Jahren steigen die Kosten tatsächlich jährlich und sind von einem Volumen von 16,4 Milliarden im Jahr 1993 auf 71,9 Milliarden im Jahr 2023 gewachsen. Vor allem die Kosten für die Kindertagesbetreuung haben in den vergangenen 30 Jahren von 10,2 Milliarden um 38,6 Milliarden auf 48,8 Milliarden zugenommen. Die Hilfen zur Erziehung (HzE), die Hilfen für junge Volljährige, Inobhutnahmen und Eingliederungshilfen nach § 35 SGB VIII haben 2023 einen Stand von 16,8 Milliarden erreicht, im Jahr 1993 lagen sie bei 3,1 Milliarden. Verdoppelt haben sich die Ausgaben in allen anderen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe (unter anderem Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit) vom 3,1 Milliarden im Jahr 1993 zu 6,3 Milliarden im Jahr 2023. Aus Perspektive der Jugendsozialarbeit ist wichtig, dies politisch Verantwortlichen deutlich zu machen, die den Rotstift ansetzen wollen.
Preisbereinigte Perspektive
Ein detaillierter Blick in die Zahlen zeigt, dass unter anderem der politisch vorangetriebene Ausbau von Kita-Plätzen für unter Dreijährige die Kosten in die Höhe getrieben hat. Auch der notwendige Aufwand für den Kinderschutz schlägt in den höheren Summen nieder. Dazu kommen die allgemeinen Preissteigerungen in Deutschland, die Inflation und die höheren Tarifabschlüsse für Fachkräfte. „Preisbereinigt“ ergibt sich deswegen ein anderes Bild: Die Ausgaben für die Kita-Betreuung steigen um ein Dreifaches ebenso wie die Kosten für HzE (und andere). Die Ausgaben aller anderen Arbeitsfelder wachsen in den letzten 30 Jahren dagegen lediglich um knapp eine Milliarde Euro.
Fokus auf Kita und HzE
In der KomDat-Ausgabe beleuchten die Wissenschaftler*innen in der Analyse deswegen vor allem die Entwicklungen im Kita- und HzE-Bereich detaillierter. Der Kita-Ausbau mit all seinen Folgen (Gebäude, Personal, Verwaltung und Betriebskosten) fußt schließlich auf Rechtsansprüchen, die der Staat auf allen föderalen Ebenen gewährt. Bei den HzE, 35a-Hilfen, ambulanten HzE, Inobhutnahmen, Hilfen für junge Volljährige, Heimerziehung, Vollzeitpflege und Erziehungsberatung fällt auf, dass insbesondere die letzten beiden relativ konstant bleiben, während Anstiege in den anderen Bereich deutlich werden. Auf die anderen Arbeitsfelder gehen die Forschenden in ihrem Artikel nicht tiefer ein, konstatieren aber die Notwendigkeit vertiefender Analysen für die Felder der Kinder- und Jugendarbeit sowie Jugendsozialarbeit.
Wachsende Bedarfe in der Jugendsozialarbeit
Für die Debatte um Reformen des Sozialstaates sind die Zahlen relevant, weil sie als Argument gegen Kürzungen und Einsparungen dienen können – trotz der Anstiege in der Gesamtsumme. Der größte Teil der Milliarden für die Kinder- und Jugendhilfe ist unter anderem durch die Parteien der amtierenden Regierung politisch gewollt und durch individuelle Rechtsansprüche hinterlegt. Mit Blick auf die geringe Dynamik in den Arbeitsfeldern Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit in den vergangenen 30 Jahren lassen sich im Grunde Forderungen nach Investitionen in die Arbeitsfelder ableiten. Zumal der 17. Kinder- und Jugendbericht die wachsenden Bedarfe auf Unterstützung junger Menschen eindrücklich beschreibt.
Text: Michael Scholl



