Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Universität Stockholm untersucht den Zusammenhang zwischen Ausbildungsabbruch, sozialer Herkunft und langfristigem Einkommen.
Die Kernbefunde
Die Studie der Wissenschaftler*innen Kerstin Ostermann (IAB/Universität Bielefeld), Alexander Patzina (IAB/Universität Bamberg) und Kerstin Ostermann (Universität Stockholm) untersucht auf Basis von Längsschnittdaten zu rund 650.000 jungen Menschen in der dualen Berufsausbildung, welche Einkommensfolgen ein Ausbildungsabbruch langfristig hat. Die Analyse zeigt, dass diese Folgen je nach sozialer Herkunft erheblich variieren.
Junge Menschen aus Familien, die nicht von sozialer Benachteiligung betroffen sind, erreichen trotz Abbruch langfristig ähnliche Einkommensniveaus wie Absolvent*innen derselben Herkunftsgruppe. Bei jungen Menschen aus von sozialer Benachteiligung betroffenen Familien hingegen sinkt das Einkommen infolge eines Abbruchs um rund 45 Prozent: Abbrecher*innen aus diesen Familien kamen im Zehnjahreszeitraum auf ein Bruttogesamteinkommen von durchschnittlich 82.000 Euro, verglichen mit 153.000 Euro bei Absolvent*innen mit vergleichbarer Herkunft.
Warum schützt soziale Herkunft vor den Folgen eines Abbruchs?
Die Studie benennt zwei Mechanismen. Junge Menschen, die nicht in prekären Lebenslagen aufwachsen, kehren nach einem Abbruch deutlich häufiger in Bildung zurück und absolvieren eine neue Ausbildung. Außerdem finden sie auch ohne Abschluss häufiger Zugang zu qualifizierten Tätigkeiten und erzielen dabei vergleichsweise gute Einkommen. Soziale und berufliche Netzwerke oder bessere Informationen bei der Stellensuche spielen für die Einkommensentwicklung laut Studienergebnissen eine wichtige Rolle. Sie können dazu beitragen, Ausbildungsabbrüche zu kompensieren, selbst wenn der deutsche Arbeitsmarkt durch einen Fokus auf Bildungsabschlüsse geprägt ist. Diese Kompensationsressourcen stehen jedoch nicht allen Jugendlichen gleichermaßen zur Verfügung. Wachsen junge Menschen in Familien auf, die von sozialer Benachteiligung betroffen sind, verfügen sie seltener über entsprechende Netzwerke.
Die Studie liefert damit auch Hinweise auf den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Jugendarmut. Wer bereits in einem benachteiligten Umfeld aufwächst, trägt nach einem Ausbildungsabbruch ein deutlich höheres Risiko, langfristig mit niedrigem Einkommen konfrontiert zu sein. Soziale Herkunft beeinflusst damit nicht nur den Bildungsweg, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, von Einkommensarmut im jungen Erwachsenenalter betroffen zu sein.
Methodische Einschränkung: Wie wurde soziale Herkunft gemessen?
Die Methodik muss jedoch kritisch betrachtet werden. Da die genutzten Beschäftigtendaten keine Informationen zur sozialen Herkunft enthalten, nutzen die Autor*innen für dieses Merkmal kleinräumige Geodaten. Erfasst wird, welche Bildungsabschlüsse die anderen Bewohner*innen des Hauses haben, in dem der junge Mensch zum Zeitpunkt des Ausbildungsbeginns wohnt. Wer in einem Haushalt lebt, in dem mindestens eine Person keinen beruflichen Abschluss hat, gilt als benachteiligt. Problematisch ist außerdem, dass in Mehrfamilienhäusern auch die Bewohner*innen miteinkalkuliert werden, die nicht in derselben Wohnung leben (wenn auch mit geringerer Gewichtung).
Diese Vorgehensweise ist nachvollziehbar, stößt aber an ihre Grenzen. Soziale Herkunft ist ein vielschichtiges Konzept, das sich nicht vollständig über den Bildungsstand von Personen aus demselben Haushalt oder gar demselben Mehrfamilienhaus abbilden lässt. Individuelle Faktoren wie Elterneinkommen, eine detaillierte Betrachtung der Bildungsabschlüsse der Elternteile oder familiäre Unterstützungsstrukturen bleiben dabei unberücksichtigt. Die Befunde sind daher mit dieser Einschränkung zu lesen.
Einordnung für die Jugendsozialarbeit
Die Autor*innen empfehlen, Präventionsmaßnahmen und Unterstützungsangebote bei (drohendem) Ausbildungsabbruch stärker auf von Benachteiligung betroffene junge Menschen auszurichten sowie den Wiedereinstieg in Ausbildung zu erleichtern. Jugendsozialarbeit setzt genau an diesen Punkten an: Sie begleitet junge Menschen, die von Benachteiligung, Armut oder Ausgrenzung betroffen oder bedroht sind, beim Übergang in eine Ausbildung und Beschäftigung, unterstützt bei drohenden Abbrüchen und hilft beim Wiedereinstieg in Bildung.
Dennoch stehen Angebote der Jugendsozialarbeit derzeit unter Druck. Sie sind in vielen Kommunen bereits von Kürzungen betroffen oder stehen zur Disposition. Ein internes Arbeitspapier, das der Paritätische Gesamtverband im April 2026 veröffentlicht hat, belegt zudem, dass Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände weitere drastische Kürzungen bei Leistungen für Kinder und Jugendliche diskutieren.
Die IAB-Studie macht deutlich, wie wichtig niedrigschwellige, sozialpädagogisch ausgerichtete Unterstützung am Übergang Schule und Beruf ist. Insbesondere für Jugendliche aus prekären Lebenslagen. Kürzungen in diesem Bereich stehen dem entgegen und können das Risiko verfestigen, dass ein Ausbildungsabbruch für junge Menschen aus von sozialer Benachteiligung betroffenen Familien langfristig zur Einkommens- und Armutsfalle wird.
Autorin: Sarah Mans (Fachreferentin Jugendberufshilfe der LAG KJS NRW im Netzwerk der BAG KJS)



