„Es geht nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie” – Blended Counseling und KI in der Beratung

Digitale Beratung ist längst kein Zusatzangebot mehr, sondern fester Bestandteil professioneller Praxis. Denn digitale Angebote und Räume nutzen zu können, spielt für die meisten jungen Menschen eine große Rolle. Aus diesem Grund ist es auch für die Jugendmigrationsdienste (JMD) wichtig, neben den bereits vorhandenen analogen Beratungs- und Gruppenangeboten den digitalen Raum aktiv für ihre Arbeit zu nutzen. Das Modellprojekt digital-hub des JMD verfolgt daher das Ziel, Beratungsangebote für junge Menschen durch digitale Lösungen zu vereinfachen und besser zugänglich zu machen. Dadurch sollen diese schneller, flexibler und niedrigschwelliger unterstützt werden können – unabhängig von Wohnort, Zeit oder persönlichen Hürden.

Petra Risau, Beraterin, Supervisorin und Referentin, spricht im Interview mit Lidia Skumaj vom JMD Frankfurt am Main über die Vor- und Nachteile von Blended Counseling sowie die Chancen und Risiken, die die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Beratung mit sich bringt.

Seit über 20 Jahren beschäftigt sich Petra Risau bereits mit Online-Beratung, Blended Counseling und digitalen Entwicklungen im psychosozialen Bereich. Sie ist Diplom-Pädagogin und Systemische Beraterin sowie Lehrbeauftragte und Trainerin für Onlineberatung, digitale Kommunikation und die Prävention sexualisierter Gewalt. Im Gespräch macht sie deutlich, dass der Fokus bei der Beratung heute längst nicht mehr auf der Legitimität digitaler Formate liegt, sondern auf guten Konzepten und deren zielführende Anwendung.

Blended Counseling

Blended-Counseling ist Risau zufolge die systematische und reflektierte Verbindung analoger und digitaler Beratungsformate innerhalb eines Beratungsprozesses. Dabei gehe es nicht um eine beliebige Aneinanderreihung von Telefon-, Video- oder Mailberatung, sondern um eine bewusste fachliche Entscheidung: Welcher Kanal ist in welcher Phase für welche Person sinnvoll?

Der gewählte Kommunikationsweg könne selbst bereits eine Intervention darstellen. Eine Mailberatung berge beispielsweise das Potenzial, Tempo herauszunehmen und Reflexion zu ermöglichen. Eine Videoberatung könne in konflikthaften Konstellationen deeskalierend wirken, weil räumliche Distanz emotionale Dynamiken verändere. Und gerade bei schambesetzten Themen könne schriftliche Beratung Schutz und Autonomie fördern. Blended Counseling bedeute daher Passgenauigkeit – nicht Technik um der Technik willen.

Pandemie als Wendepunkt digitaler Beratung

Risau beschreibt die Corona-Pandemie als massiven Beschleuniger digitaler Entwicklungen in der Beratung. Digitale Formate wurden aus der Not heraus eingeführt und Video- und Telefonberatung ermöglichten es, Beratungsprozesse aufrechtzuerhalten, als persönliche Begegnungen nicht möglich waren.

Heute, so Petra Risau, stehe nicht mehr die Frage im Raum, ob Online-Beratung gleichwertig sei. In der Fachwelt werde sie mittlerweile als eigenständige und vollwertige Beratungsform anerkannt. Entscheidend sei nun die konzeptionelle Ausgestaltung: Für wen? Mit welchem Ziel? Unter welchen Rahmenbedingungen?

Stärken und Grenzen digitaler Settings

Digitale Beratung eröffne neue Möglichkeiten: Sie schaffe niedrigschwellige Zugänge zu Unterstützungsangeboten, ermögliche zeitliche Flexibilität – auch in asynchronen Formaten –, stärke die Autonomie der Ratsuchenden und sei nah an der Lebenswelt junger Menschen.
Gleichzeitig bleibe jede digitale Form eine Distanzberatung. Es gebe keinen gemeinsamen physischen Raum, keine vollständige Co-Präsenz. Technische Störungen oder Kontaktabbrüche gehörten zur Realität. Damit professionell umzugehen, sei Teil der Kompetenz. Professionelles Handeln bedeute daher auch, die eigene Haltung zu reflektieren: Welche Formate liegen mir? Wo habe ich Bedenken? Was kann und möchte ich verantworten?

KI in der Beratung: Zwischen Offenheit und Verantwortung

Auch über den Einsatz Künstlicher Intelligenz spricht Petra Risau. Viele Jugendliche nutzten bereits selbstverständlich Tools wie ChatGPT – auch bei persönlichen Fragestellungen.

Die Fachexpertin plädiert für Offenheit statt Abwehr: „KI ist gekommen, um zu bleiben“. Gleichzeitig warnt sie vor unkritischer Nutzung. KI könne halluzinieren oder falsche Sicherheit vermitteln. Gerade vulnerable Personen könnten emotionale Bindung zu einem Chatbot entwickeln.

Beratende sollten daher selbst Erfahrungen mit KI sammeln, die Nutzung durch Ratsuchende aktiv thematisieren, gemeinsam entstandene Ergebnisse reflektieren und Datenschutzfragen konsequent ernst nehmen.

Neben Risiken sieht sie aber auch große Potenziale. An der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm wurde beispielsweise ein KI-Assistenzsystem für Mailberatung entwickelt, das bei Strukturierung, Zusammenfassung und methodischen Impulsen unterstützt. Die Verantwortung bleibe jedoch immer bei der Fachkraft. Auch spezialisierte Anwendungen wie SuchtGPT zeigten, wie KI ergänzend eingesetzt werden könne – als Informations- oder Orientierungshilfe, nicht als Ersatz zwischenmenschlicher Beziehung.

Wunsch für die Zukunft: Das Beste aus beiden Welten

Petra Risau wünscht sich, dass Blended Counseling künftig integraler Bestandteil professioneller Beratung wird. Im Mittelpunkt stehe dabei kein entweder-oder zwischen digitaler und Präsenzberatung vor Ort, sondern ein sowohl-als-auch: Es gilt, digitale und analoge Beratungsformen sinnvoll miteinander zu verbinden. Digitale Räume werden dabei nicht als Notlösung verstanden, sondern als zusätzliche Möglichkeit innerhalb einer technisch gut ausgestatteten, datenschutzsicheren und konzeptionell durchdachten Beratungspraxis. Gleichzeitig brauche es weiterhin analoge Begegnung. Beziehung, Verantwortung und Reflexion blieben Kern professioneller Beratung – unabhängig vom Setting.
Ihr Fazit im Interview bringt es auf den Punkt: „Es geht nicht mehr um das Ob digitaler Beratung, sondern um das Wie.“

Weitere Informationen über das Modellprojekt JMD digital-hub finden sich hier.

Autorinnen: Lidia Skumaj (JMD Frankfurt am Main) und Eva Gaugigl (JMD Erding), beide Fachkräfte im Modellprojekt JMD digital-hub; Servicebüro Jugendmigrationsdienste)

Bild: Servicebüro Jugendmigrationsdienste

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