Oxfam Studie: Wie extreme soziale Ungleichheit die Demokratie gefährdet

Während das Vermögen der Superreichen weltweit scheinbar ungebremst wächst, erleben viele Menschen vermehrt Unsicherheit und Armut. Die soziale Ungleichheit steigt in vielen Ländern – auch in Deutschland, wie der aktuelle Ungleichheits-Bericht 2026 von Oxfam zeigt. Dass diese Entwicklungen sich negativ auf das gesellschaftliche Miteinander auswirken und zunehmend demokratische Strukturen gefährden, überrascht wenig.

Wachsende Vermögenskluft in Deutschland

Dem Oxfam Bericht zufolge gab es im Jahr 2025 3.000 Milliardär*innen weltweit mit einem Gesamtvermögen von 18,3 Billionen US-Dollar – ein Zuwachs von 2,5 Billionen im Vergleich zum Vorjahr. Auch Deutschland verzeichnete einen deutlichen Anstieg: Das Vermögen von Milliardär*innen stieg inflationsbereinigt um 30 Prozent, ihre Gesamtzahl wuchs um 42 auf 172. Damit gehört Deutschland nach den USA, China und Indien zu den Ländern mit den meisten Milliardär*innen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigt diese Entwicklungen: In Deutschland besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung über 30 Prozent des Gesamtvermögens. Dem gegenüber steht ein Drittel der Bevölkerung mit wenig bis kaum Rücklagen. Den Studienautor*innen von Oxfam zufolge hat sich die Einkommensungleichheit in Deutschland seit 2010, insbesondere jedoch ab dem Jahr 2018, deutlich vergrößert. Während inflationsbedingt armutsbetroffene Menschen in Deutschland seit 2020 real noch ärmer geworden sind, verdiene ein*e deutsche*r Milliardär*in in nur 86 Minuten das durchschnittliche Jahreseinkommen. Beide Analysen zeigen klar auf, dass diese Ungleichheit verstärkt auf Erbschaften, politischem Einfluss und Steuervermeidung beruht – nicht auf persönlicher Leistung.

Wie Ungleichheit die Demokratie gefährdet

Durch diese finanzielle Kluft und sich tendenziell verfestigende Ungleichheit geraten auch die Verteilung politischer Macht, damit einhergehender Einfluss und soziale Teilhabe zunehmend in eine Schieflage: Superreiche nutzen ihre Ressourcen, um politischen Einfluss zu nehmen – über Lobbyarbeit, Parteispenden, den Erwerb politischer Ämter und vor allem über Medienbesitz und -kontrolle. Mehr als die Hälfte der weltweit größten Medienunternehmen und fast alle bedeutenden Social-Media-Unternehmen befinden sich im Besitz von Milliardär*innen. Diese starke Eigentumskonzentration sei damit eine direkte Bedrohung für demokratische Prozesse, da unabhängige Medien für Kontrolle und Vielfalt zentral sind, konstatieren die Studienautor*innen. Wenn wenige Superreiche bestimmen, welche Themen sichtbar werden, verenge dies die öffentliche Debatte spürbar und untergrabe die Rechenschaftspflicht von Politiker*innen und Unternehmen. Insbesondere die Interessen und Stimmen von benachteiligten oder armutsbetroffenen Gruppen gerieten so ins Hintertreffen.

Die Wissenschaftler*innen Lea Elsässer, Svenja Hense und Armin Schäfer zeigten bereits in einer Studie von 2018 auf, dass auch in Deutschland die Interessen von Reichen weit mehr politisches Gehör finden als die Anliegen der mittleren und unteren Einkommensgruppen. „Eine Politik, die letztlich die Reichen bevorzugt und Armut und so­ziale Ungleichheit grassieren lässt, untergräbt den Glauben vieler Menschen an demokratische Institutionen und bereitet den Nähr­boden für rechtspopulistische Kräfte wie die AfD. (…) Die stark wachsende Zustimmung zur AfD ist zwar keines­wegs ausschließlich auf Armut und Ungleichheit zurückzuführen, dennoch liegt ein Zusammenhang auf der Hand“, resümieren die Oxfam-Studienautor*innen. „Einer der Wirkmechanismen, der Menschen in die Hände der rechtspopulistischen Partei treibt, scheint dabei das Gefühl „relativer Deprivation“ zu sein: das Empfinden, selbst leer auszugehen, während andere das Stück vom Kuchen bekommen, das einem eigentlich zusteht. Verteilungsfragen werden zunehmend im Rahmen eines Nullsummendenkens betrachtet, in dem die relative Verbesserung des Status von anderen, beispielsweise gesell­schaftlicher Minderheiten, nur auf Kosten der eigenen Lebens­qualität möglich ist. Verteilungskämpfe werden dabei nicht mehr vertikal zwischen Oben und Unten, sondern horizontal geführt, also zum Beispiel zwischen Menschen mit und ohne Lohnarbeit oder Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Vor allem die AfD instrumentalisiert dies politisch erfolgreich“, schreiben die Autor*innen.

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, warnt in diesem Kontext davor, dass solche starken Ungleichheiten Solidarität zerstörten und Polarisierung und Misstrauen verstärkten. Wirtschaftlich betrachtet bremse Ungleichheit aus und Talente gingen aufgrund fehlender Chancen verloren. Dies schade nicht nur individuellen Biografien, sondern der Volkswirtschaft im Ganzen.

Intersektionale Sicht auf soziale Ungleichheit

In der Auseinandersetzung mit sozialen Ungleichheiten kommt dem Konzept der Intersektionalität eine wichtige Rolle zu. Dieses wurde im Jahr 1989 von der Juristin, Professorin und Bürgerrechtsaktivistin Kimberlé Crenshaw eingeführt. Die Vielfalt-Mediathek des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ erläutert es wie folgt: „Intersektionalität ist ein Begriff, der das Zusammenwirken mehrerer Unterdrückungsmechanismen beschreibt. (…) Gemeint ist damit, dass verschiedene Diskriminierungsformen nicht einzeln für sich wirken und einfach zusammengezählt werden können, sondern dass sie sich gegenseitig beeinflussen und so auch neue Formen der Diskriminierung entstehen können.“

Bei jedem Menschen können daher Merkmale wie beispielsweise Geschlecht, ethnische Herkunft, Klasse, Krankheit, Behinderung, Religion oder sexuelle Orientierung zusammenwirken und zu Mehrfachdiskriminierung führen. Besonders betroffen sind Frauen, People of Color, Angehörige der LGBTQ+-Community oder Menschen mit individuellen Beeinträchtigungen. Aufgrund komplexer, individueller Lebensrealitäten und abhängig vom jeweiligen sozialen Umfeld, können die erlebten Ungleichheiten je nach Person stark variieren.

Eine intersektionale Perspektive hilft, zu verstehen, wie Machtstrukturen funktionieren und welche Ursachen Ungleichheit zugrunde liegen. Sie bietet somit eine wichtige Grundlage, um Lösungen zu entwickeln, wie soziale Ungerechtigkeiten durch verschiedene, miteinander verbundene Ansätze wirksam bekämpft werden können.

Wege zu mehr sozialer Gerechtigkeit

Oxfam und das DIW fordern tiefgreifende Reformen, um die mangelnde Chancengerechtigkeit in Deutschland zu verbessern. Dem DIW zufolge liege einer der Hauptgründe für das stark wachsende Vermögen Superreicher in Deutschland im Steuersystem: Arbeit werde extrem hoch, Vermögen vergleichsweise gering besteuert. Abhilfe könne hier eine grundlegende Reform schaffen. Ein Beispiel dafür sei die zurzeit kontrovers diskutierte Reform der Erbschaftssteuer: ein Ansatz für mehr faire Besteuerung großer Erbschaften und Vermögen und eine damit einhergehende gerechtere Beteiligung am Gemeinwohl. Zum anderen bedürfe es massiver Investitionen in Bildung, denn die Bildungsungleichheit sei in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen, wie auch das ifo-Institut bestätigt.

Auf diesen Punkt weist auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) immer wieder in fachpolitischen Stellungnahmen und Positionen hin und setzt sich für mehr soziale Gerechtigkeit, insbesondere auch im Bildungssystem ein. Im Fokus dabei stehen vor allem junge Menschen, die weniger Chancen auf gesellschaftliche und politische Teilhabe bekommen. Fachkräfte der Jugendsozialarbeit helfen jungen Menschen daher durch verschiedene Angebote im Schulalltag, stärken ihre persönlichen Fähigkeiten und begleiten sie beim Übergang in Ausbildung oder Beruf. Auf diese Weise soll allen jungen Menschen faire Bildungschancen, umfassende Teilhabe und eine selbstbestimmte Zukunft ermöglicht werden – unabhängig von Herkunft oder Lebenslage. Sozialen Ungleichheiten wird so entgegengewirkt und junge Menschen werden individuell gefördert. Damit alle jungen Menschen Chancen auf gerechte Teilhabe erhalten, setzt sich die BAG KJS für bessere rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen sowie verlässliche und flächendeckende Förderangebote im Übergangssystem und im Bereich der außerschulischen Bildung ein. Sie fordert zudem, Schulsozialarbeit und schulbezogene Jugendsozialarbeit als sozialpädagogische Angebote der Kinder- und Jugendhilfe zu stärken, flächendeckend auszubauen und nachhaltig abzusichern.

 

Autorin: Mareike Klemz

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