Häusliche Gewalt ist in Deutschland weit verbreitet, wird jedoch nur selten zur Anzeige gebracht. Besonders häufig davon betroffen sind Frauen, junge Menschen, Angehörige der LSBTIQ*- Community sowie Menschen mit Einwanderungsbezug. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle, umfassende Untersuchung des Bundeskriminalamtes (BKA) und der Bundesregierung. Die Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“ liefert ein detailliertes Bild darüber, wie groß die Lücke zwischen tatsächlichen Gewalterfahrungen und angezeigten Fällen ist.
Die Ergebnisse zeigen, dass die tatsächliche Zahl der Gewalttaten weit über den offiziellen Statistiken in diesem Bereich liegt. Die Anzeigequote bleibt bei nahezu allen Gewaltformen niedrig und befindet sich meist unter zehn Prozent. Besonders niedrig ist die Quote bei Gewalt in (Ex-)Partnerschaften: Psychische und körperliche Übergriffe werden hier in weniger als fünf Prozent der Fälle gemeldet, obwohl jede sechste befragte Person von körperlicher Gewalt durch den*die aktuelle*n oder frühere*n Partner*in berichtet. Psychische Gewalt tritt noch häufiger auf: Rund 45 Prozent gaben an, entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben.
Schwere Gewalt trifft vor allem Frauen
Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf geschlechtsspezifischer Gewalt. Damit soll eine Verpflichtung aus der Istanbul-Konvention erfüllt werden: Mit deren Ratifizierung hat Deutschland sich dazu verpflichtet, Frauen vor allen Formen von Gewalt zu schützen und Maßnahmen zur Bekämpfung und Verfolgung von Gewalt an Frauen vorzunehmen.
Die Untersuchung nimmt jedoch auch Männer systematisch als Betroffene mit in den Blick. Laut Studie waren Männer und Frauen in den vergangenen fünf Jahren ähnlich häufig psychischer oder körperlicher Gewalt in Partnerschaften ausgesetzt. Unterschiede zeigen sich jedoch in der Schwere der Taten: Frauen erlitten deutlich häufiger schwere Verletzungen. Sie schätzen die Bedrohungslage in Gewaltsituationen deutlich höher ein und empfinden stärkere Angst. Besonders ausgeprägt sind die Unterschiede bei sexualisierter Gewalt: Etwa 36 Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer gaben an, in den vergangenen fünf Jahren sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Bei sexuellen Übergriffen lagen die Werte bei vier Prozent der Frauen und 1,4 Prozent der Männer. Frauen werden der Studie zufolge überwiegend von Männern angegriffen, während Männer sexualisierte Gewalt meist ebenfalls durch Männer erfahren. Frauen sind den Untersuchungen zufolge häufiger und stärker von partnerschaftlicher oder geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen als Männer. Dies gilt insbesondere für sexuelle Übergriffe, Belästigung und Stalking.
Geschlecht, Alter und Herkunft beeinflussen das Risiko von Gewalterfahrungen
Neben dem Geschlecht spielt das Alter eine entscheidende Rolle bei Gewalterfahrungen. Besonders auffällig ist dabei die Situation junger Menschen: Sie sind nahezu von allen Gewaltformen überdurchschnittlich oft betroffen. Besonders verbreitet sind sexuelle Belästigung, digitale Gewalt und Vorfälle mit K.o.-Tropfen. Mehr als die Hälfte der jungen Befragten gab an, in der Kindheit körperliche Gewalt durch Eltern oder Erziehungsberechtigte erlebt zu haben. Über ein Drittel berichtete von psychischer Gewalt, und fast ein Viertel hat Gewalt zwischen den Erziehungsberechtigten miterlebt. Wer solche Situationen in der Familie beobachtet hat, wurde laut Studie auch häufiger selbst Opfer.
Auch Menschen mit Einwanderungsbezug – insbesondere Frauen – sowie Angehörige der LSBTIQ*-Community sind überdurchschnittlich oft von Gewalt betroffen. Laut BKA-Präsident Holger Münch hänge dies mit der Altersstruktur zusammen: Frauen mit Einwanderungsbezug sowie queere Menschen seien im Schnitt deutlich jünger – ein Faktor, der das Risiko von Gewalterfahrungen zusätzlich erhöhe.
Bundesjugendministerin Karin Prien betonte, die Ergebnisse machten sichtbar, wie groß das Dunkelfeld bei partnerschaftlicher und sexualisierter Gewalt sei. Millionen Menschen seien betroffen, doch die meisten Taten würden nie gemeldet. Ziel der Bundesregierung sei es daher, Barrieren abzubauen und mit dem geplanten Gewalthilfegesetz ein verlässliches, flächendeckendes Schutzsystem zu schaffen.
Hilfestellungen für Betroffene
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bietet bundesweit Beratung für Frauen an, die Gewalt erlebt haben oder aktuell davon betroffen sind. Unter der Nummer 116 016 und mittels Online-Beratung können sich Betroffene jederzeit melden. Das Angebot ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Es richtet sich auch an Angehörige, Freund*innen sowie Fachkräfte mit Beratungsbedarf. Das Hilfetelefon steht in 18 verschiedenen Sprachen – einschließlich der deutschen Gebärdensprache – zur Verfügung und richtet sich ausdrücklich auch an Frauen mit Behinderungen.
IN VIA Deutschland, Mitglied bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS), hat unter dem Titel #StoppDigitaleGewalt eine Übersicht zum Umgang mit digitaler Gewalt bereitgestellt. Die Seite bietet Informationen und Orientierung, wie man digitale Gewalt erkennen, auf sie reagieren und sich schützen kann. Im Rahmen des aktuellen Projekts „Sicher im Netz – Gegen geschlechtsspezifische Gewalt“ von IN VIA Deutschland werden praxisnahe Fortbildungen und Materialien zum Thema digitale geschlechtsspezifische Gewalt für Fachkräfte erarbeitet. Diese sollen Fachkräften konkrete Impulse bieten, wie sie das Thema zielgruppengerecht ansprechen und Betroffene stärken können. Aufklärung, Prävention und Stärkung von Betroffenen stehen dabei im Mittelpunkt.
Über die Studie
Für die Dunkelfeldstudie LeSuBiA, die gemeinsam vom Bundeskriminalamt (BKA), dem Bundesinnenministerium (BMI) sowie dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) erstellt wurde, wurden bundesweit rund 15.000 Personen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren im Zeitraum zwischen Juli 2023 und Januar 2025 anonym zu ihren Erfahrungen, Einstellungen und Verhaltensweisen im Umgang mit Gewalt befragt. Zudem berichteten die Befragten über ihre Erfahrungen mit Polizei, Medizin, Justiz und Angeboten der Opferhilfe und machten Angaben zu sozialstrukturellen Merkmalen und dem Wohnumfeld.
Da sowohl Männer als auch Frauen befragt wurden, lässt die Studie – im Gegensatz zu früheren Untersuchungen zu geschlechtsspezifischer Gewalt – konkrete Vergleiche zwischen den Geschlechtern zu. Sie schließt damit eine langjährige Datenlücke in Deutschland.
Autorin: Mareike Klemz



