Einsamkeit bei Jugendlichen begegnen

Einsamkeit bei Jugendlichen ist ein Thema, das zunehmend an gesellschaftlicher, politischer und fachlicher Bedeutung gewinnt. Welche Rolle die Jugendsozialarbeit dabei spielt und welche Handlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben, stand im Mittelpunkt der digitalen Fachveranstaltung „Einsamkeit bei Jugendlichen begegnen – Impulse für die Jugendsozialarbeit“, die im Dezember 2025 im Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit stattfand. Mit 175 Teilnehmenden aus Praxis, Wissenschaft und Trägerlandschaft stieß die Veranstaltung auf großes Interesse.

Einsamkeit bedarf eines differenzierten Blicks

Einen zentralen fachlichen Impuls lieferte Prof. Dr. Ricarda Steinmayr, Mitautorin u. a. der Einsamkeitsstudie 2024 der Bertelsmann Stiftung. In ihrem Vortrag stellte sie den aktuellen Forschungsstand vor und ordnete Einsamkeit differenziert ein. Dabei machte sie deutlich, dass Einsamkeit nicht mit sozialer Isolation gleichzusetzen ist. Unterschieden wird zwischen sozialer Einsamkeit, d. h. dem Mangel an Zugehörigkeit zu Gruppen, und emotionaler Einsamkeit, die das Fehlen enger, vertrauensvoller Beziehungen beschreibt. Gerade diese emotionale Form betrifft Jugendliche besonders stark.

Die Ergebnisse der Studie zeigen zudem klare soziale Ungleichheiten auf. Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte, mit niedrigem Bildungshintergrund sowie Nicht-Erwerbstätigkeit berichten deutlich häufiger von Einsamkeitserfahrungen. Einsamkeit wirkt dabei nicht nur als individuelles Gefühl, sondern hat weitreichende Folgen: Sie steht in Zusammenhang mit psychischer und physischer Gesundheit, Leistung und ökonomischen sowie politischen Folgen (einsame Menschen tendieren eher zu extremistischen Ansichten als nicht einsame Personen).

Einsamkeit ist in der Gesellschaft weiterhin stark tabuisiert, erfährt jedoch zunehmend politische Aufmerksamkeit. Prof. Dr. Steinmayr betonte, dass wirksame Maßnahmen gegen Einsamkeit auf verschiedenen Ebenen ansetzen müssen. Gesellschaftliche Teilhabe aller Gruppen zu fördern und sozialen Zusammenhalt zu stärken, sind dabei zentrale Voraussetzungen. Digitale Medien spielen dabei eine ambivalente Rolle: Während eine sehr intensive Nutzung Einsamkeit verstärken kann, bieten digitale Räume gleichzeitig Möglichkeiten für Austausch, Zugehörigkeit und Unterstützung – insbesondere für junge Menschen mit eingeschränkten Teilhabemöglichkeiten. Daher sind auch Angebote zur gesunden Mediennutzung sinnvoll.

Modellprojekt „Inspire YOUth“

Im zweiten Teil der Veranstaltung gaben Sozialarbeiterin Anna Lottermoser und Soziologe Dr. Janosch Schobin Einblicke in das Modellprojekt „Inspire YOUth“, das präventiv gegen Einsamkeit wirkt und bereits im Grundschulalter ansetzt. Anhand von Aussagen befragter Kinder zeigt sich, dass diese bereits in jungem Alter Einsamkeit erleben und mit verschiedenen Copingstrategien darauf reagieren. Während einige beziehungsregulative oder selbstregulierende Strategien anwenden, reagieren andere mit Gewalt oder einem Shutdown. Das Projekt setzt daher an dem Punkt an Kinder im produktiven Umgang mit Einsamkeit zu stärken. Zudem fördert es soziale und emotionale Kompetenzen, bricht negative verzerrte Sozialkognition auf und stärkt soziale Beziehungen.

Ansätze wie die „AG Glück“, in der Kinder reflektieren, was sie stärkt und ihnen guttut, wurden als gut übertragbar auf die Jugendsozialarbeit diskutiert. Gerade präventive, ressourcenorientierte Formate bieten hier großes Potenzial. Die Referent*innen betonten dabei, dass das Rad nicht neu erfunden werden müsse, sondern bewährte Best Practices und bestehende Strukturen besser genutzt, statt neue hinzugefügt werden sollten. Zudem befanden sie maßgeschneiderte Aktionspläne sinnvoller als Pauschallösungen.

Fazit

In der abschließenden Fachdiskussion stand die Frage im Mittelpunkt: Wie kann Jugendsozialarbeit Einsamkeit bei (benachteiligten) jungen Menschen wirksam begegnen? Deutlich wurde: Jugendsozialarbeit nimmt eine Schlüsselrolle ein, da sie niedrigschwellige Zugänge bietet, Vertrauen aufbauen kann und junge Menschen in Übergangs- und Krisensituationen begleitet. Zentral sind dabei langfristige Beziehungsarbeit, verlässliche Strukturen und die bewusste Thematisierung von Einsamkeit als gesellschaftlichem Phänomen – frei von Stigmatisierung.

Ein Ausblick: Die Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ findet vom 22. bis 28. Juni 2026 statt. Der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit wird dabei Jugendliche besonders in den Fokus rücken und eine eigene Veranstaltung planen. Weitere Informationen dazu folgen im Jahr 2026.

Autor*innen: Xenia Romadina (Fachreferentin bei der IN VIA Akademie in Netzwerk der BAG KJS) und Felicia Haidl (BAG ÖRT)

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