Die vernachlässigten Hoffnungsträger. Beitrag zur Kinder- und Jugendhilfe

FACHVERÖFFENTLICHUNG UND FESTSCHRIFT Bei dieser Fachpublikation handelt es sich auch um eine Festschrift, die dem langjährigen Leiter der Abteilung Jugendhilfe im Deutschen Caritas Verband e.V., Hubertus Junge, zu seinem 80. Geburtstag gewidmet ist. Hubertus Junge hat die Geschichte der Kinder- und Jugendhilfe in der Bundesrepublik Deutschland mitgeprägt. Eckhart Knab und Roland Fehrenbacher, die Herausgeber des Buches, haben zahlreiche Autorinnen und Autoren für einen Beitrag zum Buch gewinnen können. Der INHALT DES BUCHES gliedert sich wie folgt: 1. Die Kinder- und Jugendhilfe auf dem Weg vom 20. in das 21. Jahrhundert 2. Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe in der Verbandsarbeit freier Träger 3. Vielfalt der Praxisthemen in der Kinder- und Jugendhilfe 4. Kinder- und Jugendhilfe in Wissenschaft, Forschung und Lehre 5. Kinder- und Jugendhilfe in Europa – Kooperation und Bereicherung Auszüge aus dem Beitrag von Roland M. Fehrenbacher: VOM VERSCHWINDEN DES JUGENDALTERS – SOZIOLOGISCHE BETRACHTUNGEN “ Die heutige Beschäftigung mit „der“ Jugend weist auf eine Erkenntnis hin, die man als ein entgrenztes soziales Phänomen beschreiben kann. Die Lebensphase Jugend reicht heute vom Kids- oder Schüleralter bis hin zum jungen Erwachsenen. Der pubertierende 14-jährige Junge kann längst nicht mehr als Prototyp dieser Lebensphase angesehen werden. Die Jugendphase ist nicht nur zeitlich ausgedehnt, sondern sie verliert mit der Entgrenzung von Kinder-, Jugend- und Erwachsenenwelt zunehmend ihren Schon- und Schutzraum. … Die schrittweise Einführung in die Welt der Erwachsenen und die Idee der Reifung und Entwicklung zu einer humanen Persönlichkeit durch die Gewährleistung kinder- und jugendspezifischer Bedingungen wird immer mehr preisgegeben. Kinder und Jugendliche avancieren zu einer ökonomischen Kategorie, zu einer spezifischen Konsumentengruppe. Allerdings bleibt festzuhalten: Nicht die Jugend und das Erleben der Jugendphase insgesamt sind als kulturelle und soziale Phänomene vom Verschwinden bedroht, sondern es gibt neue Mischungen und Durchdringungen, die das Jugendalter gegenwärtig charakterisieren. Es geht in diesem Kontext nicht um die Verteidigung eines Schonraums, sondern um die zukünftige Gestalt der Lebenslage Jugend. In keiner Altersgruppe ist der soziokulturelle Wandel der Gesellschaft so spürbar wie bei Jugendlichen. Damit ist eine Analyse der jeweiligen Jugendkultur auch ein Hinweis auf die Lebenswelt(en) der zukünftigen Gesellschaft. … Zukunftssymbolik Jugend nicht nur unter dem Aspekt der demografischen Reproduktion massenhaft angewiesen war wie die des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts konnte auch ein Klima erzeugen, in dem sich die soziale Gruppe Jugend entfalten, ein untereinander gleiches Zeitverständnis vermitteln und sich entsprechend sozial darstellen konnte. Bezogen auf die heutige Arbeitsgesellschaft stellt Böhnisch fest, dass diese nicht mehr auf die „massenhafte Qualifikation und Arbeit aller Jugendlichen angewiesen ist, und die Fortschritts- und Erneuerungssymbolik nicht mehr aus der Jugend, sondern aus der ökonomischtechnologischen Eigendynamik der Gesellschaft gezogen wird. Neue Produktgenerationen werden kreiert, das Symbol Jugendlichkeit hat sich von der Jugend abgelöst“. Wenn man nun die Jugendforschung in den vergangenen Jahren Revue passieren lässt, wird deutlich, dass sie in ihrer Themenstruktur einen rapiden Wandel vollzogen hat. In den 80er Jahren standen vor allem Untersuchungen zur Jugendkultur und zum Freizeitverhalten von Jugendlichen im Mittelpunkt empirischer Studien. In den 90er Jahren bildeten die Themen „Jugend und Gewalt“ sowie „Medien“ den Schwerpunkt der Jugendforschung. Ab dem Jahr 2000 lag der Fokus auf dem Zusammenhang von Jugend und Arbeit. Mit der 12. Shell-Jugendstudie und der dort verkündeten Parole „Die Krise der Arbeitsgesellschaft hat die Jugend erreicht.“ ist eine Formel für diese Entwicklung gefunden worden, die sich bereits vielfach angedeutet hatte. Das Thema „Jugend und Arbeit“ wird jedoch als ein Bereich abgehandelt, der insbesondere gesellschaftliche Randgruppen betrifft oder allein bestimmte Institutionen wie die der Jugendberufshilfe und ein besonderes case management herausfordert. Es wird nicht oder zu wenig gesehen, dass es nicht nur um die Jugendarbeitslosigkeit und den Abbau von sozialen Benachteiligungen geht, dass nicht die Krise, sondern der Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft die soziale Gestalt Jugend erreicht und diese grundlegend geändert hat. Heute ist der Übergang in die Arbeitswelt zu einem Prozess geworden, der nicht auf die Vermittlung eines Arbeitsplatzes beschränkt werden kann, sondern der sich für die Mehrzahl der Jugendlichen von dem fünfzehnten Lebensjahr bis weit in das dritte Lebensjahrzehnt erstreckt. Dabei wird weitgehend unterstellt, dass sich die Berufsbiografie immer noch durch die Zuteilung eines Ausbildungsplatzes entscheidet. Die Anforderungen bzw. der Anforderungskatalog, der zu erfüllen ist, um den Berufseinstieg zu schaffen, erscheint vielen Jugendlichen wie ein abstraktes Szenario völlig entgrenzter unternehmerischer Wunschträume. Insbesondere benachteiligte Gruppen von jungen Menschen wissen, dass ihre Jugend nicht mehr linear zum Erwachsenenstatus führt und dass die Bildungsinstitutionen sie kaum auf diese entgrenzte Arbeitsgesellschaft vorbereiten. Sie wissen auch, dass diejenigen, die nicht mithalten können, Beschäftigung oder einen Ausbildungsplatz verordnet bekommen. Kritische Analysen streichen heraus, dass die kapitalistische Ökonomie in ihrem neuen Magnetfeld von Digitalisierung und Intensivierung nur einen Teil des Humankapitals anzieht, den anderen aber abstößt, ökonomisch unter Druck setzt, überflüssig werden lässt. Dies hat zur Folge, dass Gruppen von Menschen keine Aussicht mehr haben, in die ökonomisch-gesellschaftlichen Kernbereiche der Erwerbsarbeit zu gelangen.Viele leben in prekären und flexibilisierten Arbeitsverhältnissen und bleiben in sozialen Randlagen hängen. In der Jugendforschung wird bereits nach Gewinnern und Verlierern sowie Chancen und Risiken der neuen entgrenzten Arbeitsgesellschaft gesucht. Schröer und andere vertreten die Auffassung, dass in einem ersten Schritt zu fragen wäre, in welcher Form die Entgrenzungstendenzen in das Jugendalter hineinreichen: Ist Jugend heute nicht nur „entstrukturiert“, sondern entgrenzt, zum biografischen Erfolg verdammt und der gesellschaftlichen Unsicherheit und der Generationenkonkurrenz ausgesetzt? Leben wir in einer neuen Arbeitsgesellschaft, die den �fertigen Arbeitsgestalter’ verlangt? … Allerdings tritt derzeit – jugendpolitisch gesehen – die Sorge um das Kind in den Vordergrund der bildungs- und sozialpolitischen Diskussionen, während die Herausforderungen des Jugend- und des jungen Erwachsenenalters wenig Resonanz in der politischen Auseinandersetzung über die nachwachsenden Generationen erzeugen. Bezogen auf die Hartz IV-Gesetzgebung wird dieser Kontext im Umgang mit arbeitslosen und sozial benachteiligten Jugendlichen vor allem darin deutlich, dass diese Jugendlichen mit vielfältigen Anforderungen konfrontiert werden, die bei Nichterfüllung zu Sanktionen führen. Die Losung „Fördern und Fordern“ weist eine Schieflage auf, bei der vor allem das Fordern organisiert und das Fördern von jungen Menschen auf die Verwertbarkeit im Arbeitsmarkt einseitig ausgerichtet ist. Gerade in der Jugendphase werden insbesondere die Potenziale in den Tätigkeiten wahrgenommen, die frühe Selbstständigkeit versprechen, andererseits wird aber der Druck gespürt, der zum biografischen Erfolg zwingt. Frühe Selbstständigkeit ist so für manche zum frühen Ausgesetztsein geworden: Bildungskonkurrenz in der Schule, Unsicherheit mit Blick auf den Erwerb einer Ausbildungsstelle oder nach der Ausbildung an der zweiten Schwelle des Übergangs zum Beruf. Auf diesem Hintergrund wird es notwendig sein, die Bewältigungsherausforderungen im Jugendalter, die sich in den Aneignungsprozessen ausdrücken, zu betrachten und in Zusammenhang mit den vorherrschenden Arbeits- und Bildungssystemen und den Grundtendenzen im Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft zu setzen. Mit dem Umstand, dass die Herausforderungen des Jugendalters derzeit wenig bildungs- und sozialpolitisches Echo finden, korrespondiert auch die Sicht von Erwachsenen auf die Jugendlichen. Die Studie der Bertelsmann Stiftung „Jugendliche aus Sicht der Erwachsenen“ fördert den Befund zutage, dass die erwachsene Bevölkerung ein eher skeptisches Bild von der jungen Generation hat. Zwar finden Erwachsene die Jugendlichen mit großer Mehrheit sympathisch (92,2%), kritisieren aber die Lebensführung junger Menschen (76%). Zudem ordnen sie den Jugendlichen eher negative Eigenschaften zu. Dagegen haben sie von der eigenen Generation ein deutlich positiveres Bild. Von größerer Mitbestimmung der Jugendlichen halten Erwachsene wenig: Über 70% votieren gegen ein Wahlrecht ab 16 Jahren. Auch das gesellschaftliche Engagement scheint den Erwachsenen bei Jugendlichen zu wenig ausgeprägt. Die Erwachsenen trauen darüber hinaus fast 40% der Jugendlichen nicht zu, die künftigen gesellschaftlichen Herausforderungen bestehen zu können. Hinsichtlich der Eigenschaften Jugendlicher aus Sicht der Erwachsenen rangieren „konsumorientiert“ (91%) und „nur auf persönlichen Vorteil aus“ (64%) im oberen Drittel. Zwischen diese beiden eher negativen Merkmale schiebt sich die „Kreativität“ (75%). Es folgen „Toleranz“ (60%), „Fleiß und Ehrgeiz“ (53%), „soziales Engagement“ (44%), „Pflichtbewusstsein“ (43%) und „Familienorientierung“ (36%). Fragt man die Erwachsenen, wie sie diese Eigenschaften bei sich selbst bewerten, so ergibt sich ein deutlich positiveres Bild von der eigenen als von der jüngeren Generation. Inwieweit Jugendliche in Deutschland geachtet statt geächtet werden, zeigt sich also vor allem in unserer Einstellung zu der nachwachsenden Generation. Insbesondere Jugendliche wecken nicht per se Mitgefühl und Empathie, wie dies oft bei Kindern der Fall ist. Gerade benachteiligte Jugendliche zeigen sich oft als Menschen, auf die man nicht unbedingt stolz sein kann. Schnell wird nur das gegenwärtige Verhalten verurteilt – geächtet –, ohne dass die Lebensgeschichte der jungen Menschen, ihre Lebenswelt, wahrgenommen wird. Wie ticken Jugendliche wirklich? In welchen Lebenswelten bewegen sie sich? Welche Herausforderungen des Jugendalters müssen junge Menschen bewältigen? Dies sind zentrale Fragestellungen, wenn von der Mobilisierung der Potenziale junger Menschen die Vitalität einer Gesellschaft abhängt. Antworten dazu gibt es von der Sinus-Milieustudie U27, die vom Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) und von Misereor in Auftrag gegeben wurde. Die Lebenswelten von Jugendlichen in den Altersgruppen 9 bis 13 (Kinder), 14 bis 19 (Jugendliche) und 20 bis 27 Jahre (junge Erwachsene) sind erstmals Gegenstand einer Studie nach den Sinus-Milieus. Die Sinus-Milieustudie gibt Aufschluss darüber, wer welchen jungen Menschen wie begegnen will. Dabei wird klar, dass sich bestimmte Milieus gegenseitig ausschließen und eine Ansprache aller Milieus zur gleichen Zeit nicht möglich ist. In der Studie wird aufgezeigt, dass vor allem zwei Milieus „abgehängt“ sind. Die hedonistischen und mehr noch die konsum-materialistischen Jugendlichen sind gesellschaftlich wenig akzeptiert und oft sogar ausgeschlossen, genauso wie sie (sozial-)ökonomisch „hintenüber“ fallen. Im unteren Bereich der Schichtachse verortet, will niemand wirklich etwas mit ihnen zu tun haben. Diese Milieus zeichnen sich dadurch aus, dass das „Haben“ und nicht das „Sein“ von entscheidender Bedeutung ist. Ziel ist der gesellschaftliche Aufstieg, das „Herauskommen“. … Trotz aller neuen Erkenntnisse von Studien und soziologischen Betrachtungen bleibt die Haltung, die Empathie gegenüber Jugendlichen bzw. dem Jugendalter von entscheidender Bedeutung. “ Den Beitrag im vollem Umfang sowie alle weiteren Artikel entnehmen Sie bitte der Publikation, die beim Lambertus-Verlag oder im Buchhandel erhältlich ist. Eckhart Knab, Roland Fehrenbacher (Hrsg.) „Die vernachlässigten Hoffnungsträger. Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfe“ Auflage 11_2008, Kartoniert, Broschiert, 416 Seiten Preis: 24,80 € (D) ISBN 978-3-7841-1881-9 Lambertus Verlag, Freiburg – der Fachverlag für Soziales – Recht – Caritas

http://www.lambertus.de

Quelle: be-promotion Lambertus-Verlag

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