Mehr Bildung stärkt die Sprachkompetenz von Migranten wesentlich

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing
Share on whatsapp
Share on email
Share on print
Share on pocket
Share on telegram

Dass die Sprachkompetenz wesentlicher Schlüssel zu einer erfolgreichen Arbeitsmarktintegration ist, ist nicht zu bestreiten. Doch wie gelingt es am besten, gute Deutschkenntnisse zu erwerben? Die Arbeitsmarktforscher Alexander Danzer und Firat Yaman zeigen im neuen IAB-Kurzbericht, dass die Konzentration von Zuwanderern und ihrer Nachkommen in ethnischen Enklaven die Entwicklung von Sprachkompetenz behindert.

In ethnischen Enklaven haben Migranten weniger Kontakt zu Muttersprachlern

Eine um ein Jahr verlängerte Bildungs- oder Ausbildungsphase von Migranten erhöht den Anteil derjenigen mit guten Deutschkenntnissen um mehr als sechs Prozentpunkte. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Die IAB-Studie analysiert verschiedene Hemmnisse beim Fremdsprachenerwerb. Häufig wohnen Migranten, die die gleiche Muttersprache sprechen, sehr nah beieinander. Die Auswirkung der räumlichen Konzentration von Migrantengruppen auf das Erlernen der deutschen Sprache erweist sich laut Studie allerdings weniger negativ als angenommen. Die Arbeitsmarktforscher Alexander Danzer und Firat Yaman warnen dennnoch vor einer zu starken Ballung von Migraten in bestimmten Stadtteilen oder Bezirken. In diesen ethnischen Enklaven sinke die Häufigkeit des Kontakts zu Muttersprachlern, wodurch das Lernen der Landessprache behindert würde.

Die IAB-Studie stützt sich auf die Befragung von 1018 im Ausland geborenen Migranten in den alten Bundesländern und Berlin. Die Herkunftsländer sind Türkei, Italien, Griechenland, Spanien, Kroatien und Serbien-Montenegro. Die Erhebung nutzt zudem die Daten des Sozio- oekonomischen Panels (SOEP). Darin enthalten sind u.a. Selbsteinschätzungen der Sprach- und Schreibfähigkeit.

Auszüge aus der Studie „Ethnische Enklaven schwächen die Sprachkompetenz, mehr Bildung stärkt sie“:

Beherrschung der Landessprache ermöglicht Partizipation und eröffnet ökonomische und soziale Perspektiven

„(…) Ausländer und andere Personen mit Migrationshintergrund sind in Deutschland stark in urbanen Ballungsräumen konzentriert. Aus diesem Umstand wird häufig die Schlussfolgerung gezogen, dass diese Verdichtung für die schlechte Arbeitsmarktintegration und die geringe Sprachkompetenz von Migranten verantwortlich sei. Wie stark die Effekte sind, ist in der empirischen Literatur jedoch umstritten. Für Deutschland liegen bislang überhaupt keine Befunde zu den Auswirkungen der regionalen Konzentration von Migranten auf ihre Sprachkompetenz vor. Im Folgenden wird untersucht, wie die Herausbildung von ethnischen Enklaven die Sprachfähigkeiten von Migranten beeinflusst und welche Arbeitsmarktwirkungen sich daraus ergeben. Darüber hinaus zeigt die Analyse, dass der Erwerb von Deutschkenntnissen auch von anderen Faktoren maßgeblich abhängt – z. B. von der Bildung der Migranten. Wann immer von erfolgreicher oder misslungener Integration von Einwanderern die Rede ist, wird auch die Beherrschung der Sprache des Einwanderungslandes thematisiert. Wenn Migranten die Landessprache des Einwanderungslandes fließend sprechen, führt dies zwar nicht zwangsläufig zum Integrationserfolg – aber (…) die Beherrschung der Landessprache ermöglicht die Partizipation an und den Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft und eröffnet ökonomische und soziale Perspektiven, die sich beim Nicht-Erlernen auf ethnische Netzwerke und den Kontakt mit den eigenen Landsleuten beschränken müssen. (…)

Die Auswirkungen ethnischer Enklaven auf die Sprachkompetenz

Will man die Auswirkungen ethnischer Enklaven untersuchen, muss zunächst die ethnische Konzentration von Einwanderern gemessen werden. Das geschieht mit Daten des Mikrozensus, einer repräsentativen Erhebung in der Bundesrepublik Deutschland, die 1 Prozent der Bevölkerung umfasst. Die Konzentrationen beziehen sich auf etwas mehr als 100 Regionen für Westdeutschland und Berlin und sind definiert als der Anteil von Staatsbürgern aus den betrachteten Herkunftsländern an der jeweiligen regionalen Gesamtbevölkerung im Jahr 2000. (…)

Das Problem der Selbstselektion und Lösungsansätze

Das wichtigste methodische Problem bei der Analyse von Enklaveneffekten ist die Selbstselektion von Migranten. Diese liegt dann vor, wenn sich Einwanderer mit unterdurchschnittlicher Sprachkompetenz oder Lernbereitschaft nicht zufällig über den Raum verteilen, sondern bevorzugt in kleinräumige Gebiete mit hohem Ausländeranteil ziehen. Tritt dieses Phänomen auf, dann kann sich eine Umkehrung der Kausalität ergeben: Die Sprachkompetenz von Migranten ist nicht gering, weil sie in ethnischen Enklaven leben, sondern Migranten sind in ethnischen Enklaven zu Hause, weil ihre Sprachkompetenz gering ist. (…)

Im Folgenden wird ein Ansatz verfolgt, bei dem wir explizit berücksichtigen, dass Einwanderer gleichzeitig zwei Entscheidungen treffen: an welchem Ort sie leben und ob sie die deutsche Sprache erlernen wollen. Hinter dieser Strategie steht die Überlegung, dass der Anreiz (…) zum Spracherwerb davon abhängt, ob man in einer ethnischen Enklave lebt, dass aber gleichzeitig die Wohnortwahl von der bereits erworbenen Sprachkompetenz beeinflusst wird. Es wird angenommen, dass jeder Einwanderer aus einer Vielzahl von Lern- und Wohnortkombinationen – die sich alle in Bezug auf ihre Nutzen und Kosten voneinander unterscheiden – diejenige wählt, die ihm den größten Nutzen einbringt. Auf Grundlage dieser Schätzergebnisse werden dann die Effekte ethnischer Enklaven für den Spracherwerb simuliert. (…)

Ergebnisse der Simulationen

Erste Ergebnisse zeigen, dass die Sprachkompetenz und die ethnische Konzentration von Einwanderern negativ miteinander korreliert sind. Die Ergebnisse einfacher Regressionen bestätigen diesen ersten Eindruck, und die negativen Effekte fallen noch stärker aus, wenn für sozioökonomische Eigenschaften der Einwanderer kontrolliert wird. Eine naive Interpretation der Ergebnisse wäre folgende: Ein Anstieg der ethnischen Konzentration (gemessen als Anteil der Migranten aus einem Herkunftsland an der Bevölkerung) um 1 Prozentpunkt vermindert die Wahrscheinlichkeit, dass ein Einwanderer die deutsche Sprache erlernt, um 4,5 Prozentpunkte.

Aufgrund der oben diskutierten Selektionseffekte ist eine solche Interpretation jedoch nicht zulässig. Wenn sich jene Einwanderer, die von vornherein nicht in der Lage oder willens zum Spracherwerb waren, gezielt in Enklaven niedergelassen haben, dann würden durch die Regressionsergebnisse die Selektionseffekte gemessen, aber nicht die Wirkungen von ethnischen Enklaven. (…) Mit modellgestützten Simulationen lassen sich die Verfälschung aufgrund des Selektionseffektes abschätzen und die tatsächlichen Auswirkungen des Enklaveneffektes isolieren. (…)

Die tatsächlichen Effekte der ethnischen Konzentration sind für den Spracherwerb deutlich geringer als die Regressionsergebnisse vermuten lassen. (…) Nach den Simulationsergebnissen senkt eine Erhöhung der ethnischen Konzentration um 1 Prozentpunkt die Wahrscheinlichkeit des Spracherwerbs um 3 Prozentpunkte und nicht um 4,5 Prozentpunkte, wie die einfache Regression es nahe legen würde. Mit anderen Worten: Gut ein Drittel der negativen Korrelation zwischen ethnischer Konzentration und Sprachkompetenz, die wir in den Daten beobachten, dürfte auf Selektionseffekte zurückzuführen sein, zwei Drittel sind der ethnischen Konzentration geschuldet. (…)

Was den Erwerb von Sprachkompetenz sonst noch beeinflusst…

Eine Gleichverteilung der Einwanderer – ein recht drastisches Experiment, das nur durch eine gelenkte Siedlungspolitik mit Mobilitätsbarrieren erreicht werden könnte – erhöht den Anteil derjenigen, die die deutsche Sprache erlernen, nur um 1,2 Prozentpunkte. Kaum ein Einwanderer, der zuvor in einer Enklave lebte, könnte also durch Siedlungspolitik zum Spracherwerb bewegt werden. (…) Umgekehrt führt eine gleichmäßige Erhöhung der Einwandererkonzentration um 1 Prozentpunkt zu einem deutlichen Rückgang des Anteils derjenigen, die die deutsche Sprache erlernen: Ihr Anteil sinkt um 3 Prozentpunkte. Dieses Ergebnis beruht auf dem Umstand, dass eine größere Zahl von Einwanderern in der Region das Erlernen der deutschen Sprache zunehmend entbehrlich macht. Am deutlichsten wirkt sich jedoch ein Anstieg des Bildungsniveaus der Migranten aus. Wird die durchschnittliche Bildungs- und Ausbildungsdauer um ein Schuljahr verlängert, steigt der Anteil derjenigen, die die deutsche Sprache beherrschen, auf über 52 Prozent. Das entspricht einer Verbesserung um mehr als 6 Prozentpunkte im Vergleich zum Status quo. Damit wird die hohe Bedeutung von Bildung für den Spracherwerb von Einwanderern ein weiteres Mal nachdrücklich belegt.
(…)

Fazit

Die Sprachkompetenz von Einwanderern ist von zentraler Bedeutung für ihre Integration in Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Die Ergebnisse dieser wie anderer Studien belegen, dass die Löhne von Migranten mit ihrer Sprachkompetenz deutlich steigen. Ein Einwanderer, der sehr gut Deutsch spricht, kann bei Kontrolle für andere soziale und ökonomische Merkmale einen um bis zu 9 Prozent höheren Lohn erzielen als ein Einwanderer, der über gar keine Deutschkenntnisse verfügt. Die Untersuchungsergebnisse bestätigen auch, dass sich die Konzentration von Migranten in ethnischen Enklaven negativ auf den Erwerb von Sprachkompetenz auswirkt. Die Effekte sind jedoch im Vergleich zu anderen Determinanten gering: Die Erhöhung des Anteils einer Einwanderergruppe an der Bevölkerung einer Region um 1 Prozentpunkt senkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Einwanderer die deutsche Sprache erlernt, um 3 Prozentpunkte. (…)

Ein weiteres Ergebnis der Simulationsrechnungen ist, dass die Einwanderungs- und Bildungspolitik erheblich zum Erwerb von Sprachkompetenz beitragen können. Allerdings würde selbst in dem unrealistischen Fall einer Gleichverteilung der Migranten in Deutschland ihre Sprachkompetenz nur geringfügig steigen. Dagegen würde ein Anstieg des Bildungsniveaus der Migranten zu einer deutlichen Verbesserung der Sprachkompetenz führen: Eine Verlängerung der (Aus-)Bildungszeit um ein Schuljahr erhöht den Anteil der Einwanderer mit guten Sprachkenntnissen um mehr als 6 Prozentpunkte. (…)

Basierend auf unseren Ergebnissen können im Wesentlichen der frühe Spracherwerb und eine allgemeine Bildungsunterstützung empfohlen werden. Maßnahmen, die erst nach dem Bildungsabschluss der Immigranten ansetzen, versprechen geringere Erfolgsaussichten – nicht zuletzt, weil sie nur auf freiwilliger Teilnahme der Immigranten basieren können. Früh ansetzende Bildungsanstrengungen könnten darüber hinaus der Entstehung von ethnischen Enklaven entgegenwirken, denn diese sind nicht nur Ursache, sondern auch Folge einer schwachen Humankapitalausstattung – und damit einer geringen Sprachkompetenz.“

Quelle: IAB

Ähnliche Artikel

Skip to content